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War Entwicklungszusammenarbeit früher ein Akt der Solidarität gegenüber den Ärmsten?

Die Behauptung:
«Früher war Entwicklungszusammenarbeit ein Akt der Solidarität gegenüber den Ärmsten. Doch zunehmend entsteht ein neues Paradigma, wonach Wirtschaftswachstum und Investitionen als zentraler Motor für Entwicklung angesehen werden. Dabei werden mit Entwicklungsgeldern Risiken für Unternehmen reduziert und die Profitanreize erhöht, damit Unternehmen Jobs kreieren.»

Quelle:
Broschüre von «Brot für alle»

Balken KOVI Faktencheck Falsch Richtig
 

Der Faktencheck:
Es sind die Entwicklungsländer, die Privatsektorinvestitionen gegenüber der klassischen Entwicklungszusammenarbeit bevorzugen, denn mit Investitionen kommt auch Know-how ins Land, das den Aufbau einer eigenen Wirtschaft ermöglicht. Wir dürfen Menschen in Entwicklungsländern nicht wie passive Almosenempfänger behandeln, sondern sie wollen als wirtschaftliche Akteure ernst genommen werden (Aerni, P. 2015. Entrepreneurial Rights as Human Rights. Banson, Cambridge). In der Entwicklungszusammenarbeit ist diese Botschaft jedoch kaum angekommen, denn dort geht es primär darum, den Steuerzahlern und Spendern in der Schweiz mit Solidaritätsrhetorik zu gefallen. Schliesslich sind ja die Spenderinnen, Spender und die Politik die eigentlichen Kunden unserer Entwicklungsorganisationen, nicht die Armen in Entwicklungsländern (Aerni, P. (2006). The Principal-Agent Problem in International Development Assistance and its Impact on Local Entrepreneurship in Africa: Time for New Approaches. ATDF Journal 3(2): 27-33). Den Armen ginge es eigentlich primär um inklusives Wachstum und nicht den Schutz vor globalen, wachstumsorientierten Firmen, wie die Spender hier oft annehmen. Die Anliegen der Empfänger werden aber hier entweder aus opportunistischen Gründen ignoriert oder gar als «falsches Bewusstsein» desavouiert. Das hat viel mit Überheblichkeit und wenig mit Solidarität zu tun.

Oftmals sorgen sich die Entwicklungsorganisationen mehr um das Reputationsrisiko in der Schweiz als um die realen Bedürfnisse vor Ort. Darum sind auch viele Projekte finanziell nicht nachhaltig. Man sagt dann lieber: «Wir wissen, dass vieles schiefläuft, aber das sollten wir sicherlich nicht unseren Spenderinnen und Spendern sagen. Ausserdem sollten wir jegliche Form der Zusammenarbeit mit Grossfirmen ablehnen, auch wenn es im expliziten Interesse der lokalen Bevölkerung wäre; denn die Spenderinnen und Spender würden nicht verstehen, warum wir nun mit den ‹Multis› zusammenspannen.»

In Anbetracht des ziemlich hohen Machtgefälles in der Entwicklungszusammenarbeit müsste eigentlich auch da der Machtmissbrauch viel stärker untersucht und angeprangert werden, doch das geschieht bisher nicht, weil immer noch der Glaube in der Öffentlichkeit vorherrscht, dass es in der Entwicklungszusammenarbeit nur gute Motive gebe. Sicherlich sollten wir das Kind nicht mit dem Bad ausschütten, doch kritischeres Denken würde auch die Qualität der Entwicklungszusammenarbeit verbessern.

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