KVI Faktencheck – guter-punkt.ch

Profite auf Kosten von Mensch und Umwelt: Wie viele Konzerne machen das wirklich?

Unternehmen in Entwicklungsländern wollten sich bloss bereichern und nähmen dabei Menschenrechtsverletzungen und Umweltverschmutzung in Kauf. Darauf bauen die Initianten der Konzern-Verantwortungs-Initiative (KVI) ihre Argumentation auf. Der Faktencheck prüft die Aussagen auf ihre Richtigkeit. 


Die Behauptung:
«Noch immer aber optimieren viele grosse, international tätige Konzerne ihre Profite auf Kosten der einheimischen Bevölkerung und der Umwelt.»

Quelle:
Broschüre von Helvetas (https://www.helvetas.org/Publications-PDFs/helvetas_positionspapier_agenda2030.pdf)

Der Faktencheck:
Sicherlich gibt es solche Unternehmen, doch die meisten zukunftsfähigen Firmen wissen, dass sich eine solche Strategie langfristig rächt. Denn unzufriedene Mitarbeitende, Kunden oder Lieferanten sowie ein Akzeptanzproblem in der Gesellschaft wirken sich langfristig negativ auf die Erträge aus. Diese Aussage kann nicht generalisiert werden und ist daher irreführend.

Balken KOVI Faktencheck Falsch Richtig

Die Behauptung:
«Die Konzerne kümmern sich wenig um Menschenrechts- und internationale Umweltstandards, eignen sich gegebenenfalls die fruchtbarsten Landstriche an und transferieren die Gewinne in ihre Zentralen im Norden.»

Quelle:
Broschüre von Helvetas (https://www.helvetas.org/Publications-PDFs/helvetas_positionspapier_agenda2030.pdf)

Der Faktencheck:
Internationale Konzerne müssen sich viel stärker an Umwelt- und Sozialstandards halten, die in der jeweiligen globalen Lieferkette gelten, als lokale Firmen, die nicht an solche Vereinbarungen gebunden sind. Das «land grabbing»-Argument musste in der Zwischenzeit auch relativiert werden, denn es liegt häufig an den jeweiligen Regierungen, unter welchen Bedingungen sie das fruchtbare Land zur Bewirtschaftung ausländischen Unternehmen zur Verfügung stellen. Unter Umständen kann die lokale Landwirtschaft sehr wohl von solchen Investitionen profitieren. Die Aussage ist falsch.

Balken KOVI Faktencheck Falsch Richtig

Die Behauptung:
«Im Aussenhandel verfolgt die Schweiz noch immer eine von Eigeninteressen gesteuerte Freihandelsstrategie, beharrt aber selber bei Bedarf auf Einschränkungen mittels Einfuhr- und Zollbestimmungen speziell bei Agrarprodukten.»

Quelle:
Broschüre von Helvetas (https://www.helvetas.org/Publications-PDFs/helvetas_positionspapier_agenda2030.pdf)

Der Faktencheck:
In Bezug auf Agrarprodukte stimmt die Aussage. Die Schweiz ist zusammen mit Norwegen das am meisten abgeschottete Land im Agrarbereich. Nicht-tarifäre Massnahmen (z. B. Importlizenzen, politisch motivierte Produktvorschriften mit handelshemmender Wirkung etc.) verhindern den Marktzugang der ärmsten Länder, obwohl diese mittlerweile bei gewissen Agrarprodukten zollfrei in die Schweiz exportieren könnten. Ausserdem schreckt die Schweiz nach wie vor nicht vor der Anwendung tarifärer Handelshemmnisse zurück; zum Nachteil der ärmeren Ländern, die stärker vom Export von Agrarprodukten abhängig sind, jedoch nicht mit den indirekt subventionierten Preisen mithalten können. Die UVI würde daran allerdings nichts ändern, im Gegenteil, sie würde zusätzlich zur Einschränkung des Marktzugangs auch noch die Möglichkeiten des Technologietransfers in ärmere Hochrisikoländern erschweren. Das Reputationsrisiko und somit die Kosten für die Zusammenarbeit mit dem lokalen Privatsektor würden dadurch zusätzlich erhöht.

Balken KOVI Faktencheck Falsch Richtig

Die Behauptung:
«Früher war Entwicklungszusammenarbeit ein Akt der Solidarität gegenüber den Ärmsten. Doch zunehmend entsteht ein neues Paradigma, wonach Wirtschaftswachstum und Investitionen als zentraler Motor für Entwicklung angesehen werden. Dabei werden mit Entwicklungsgeldern Risiken für Unternehmen reduziert und die Profitanreize erhöht, damit Unternehmen Jobs kreieren.»

Quelle:
Broschüre von «Brot für alle» (https://brotfueralle.ch/content/uploads/2019/05/BROT_BFA_0219_DE_Inhalt_web.pdf)

Der Faktencheck:
Es sind die Entwicklungsländer, die Privatsektorinvestitionen gegenüber der klassischen Entwicklungszusammenarbeit bevorzugen, denn mit Investitionen kommt auch Know-how ins Land, das den Aufbau einer eigenen Wirtschaft ermöglicht. Wir dürfen Menschen in Entwicklungsländern nicht wie passive Almosenempfänger behandeln, sondern sie wollen als wirtschaftliche Akteure ernst genommen werden. In der Entwicklungszusammenarbeit ist diese Botschaft jedoch kaum angekommen, denn dort geht es primär darum, den Steuerzahlern und Spendern in der Schweiz mit Solidaritätsrhetorik zu gefallen. Schliesslich sind ja die Spenderinnen, Spender und die Politik die eigentlichen Kunden unserer Entwicklungsorganisationen, nicht die Armen in Entwicklungsländern. Den Armen ginge es eigentlich primär um inklusives Wachstum und nicht den Schutz vor globalen, wachstumsorientierten Firmen, wie die Spender hier oft annehmen. Die Anliegen der Empfänger werden aber hier entweder aus opportunistischen Gründen ignoriert oder gar als «falsches Bewusstsein» desavouiert. Das hat viel mit Überheblichkeit und wenig mit Solidarität zu tun.

Oftmals sorgen sich die Entwicklungsorganisationen mehr um das Reputationsrisiko in der Schweiz als um die realen Bedürfnisse vor Ort. Darum sind auch viele Projekte finanziell nicht nachhaltig. Man sagt dann lieber: «Wir wissen, dass vieles schiefläuft, aber das sollten wir sicherlich nicht unseren Spenderinnen und Spendern sagen. Ausserdem sollten wir jegliche Form der Zusammenarbeit mit Grossfirmen ablehnen, auch wenn es im expliziten Interesse der lokalen Bevölkerung wäre; denn die Spenderinnen und Spender würden nicht verstehen, warum wir nun mit den ‹Multis› zusammenspannen.»

In Anbetracht des ziemlich hohen Machtgefälles in der Entwicklungszusammenarbeit müsste eigentlich auch da der Machtmissbrauch viel stärker untersucht und angeprangert werden, doch das geschieht bisher nicht, weil immer noch der Glaube in der Öffentlichkeit vorherrscht, dass es in der Entwicklungszusammenarbeit nur gute Motive gebe. Sicherlich sollten wir das Kind nicht mit dem Bad ausschütten, doch kritischeres Denken würde auch die Qualität der Entwicklungszusammenarbeit verbessern.

Balken KOVI Faktencheck Falsch Richtig

Die Behauptung:
In der gleichen Broschüre heisst es bei Brot für alle: «Doch wenn man genauer hinschaut, zum Beispiel auf Ölpalmplantagen, sieht man, dass diese neuen Jobs viele alte Einkommensmöglichkeiten zerstören, gerade in der Landwirtschaft. Kommt hinzu, dass die Löhne oft sehr tief und die Arbeitsbedingungen problematisch sind. Diese Idee von Entwicklungszusammenarbeit zerstört die Möglichkeit der Menschen, aus eigener Kraft zu überleben.»

Quelle:
Broschüre von «Brot für alle» (https://brotfueralle.ch/content/uploads/2019/05/BROT_BFA_0219_DE_Inhalt_web.pdf)

Der Faktencheck:
Genau hinschauen heisst auch, die Feldforschung ernst zu nehmen. Zumindest gewisse Teile der publizierte Feldforschung zeigt ein anderes Bild: Die traditionellen Einkommensmöglichkeiten im informellen Sektor schaffen wenig Arbeitsplätze. Ausserdem haben die dort tätigen Kleinstunternehmen meist keinen Zugang zu neuem Wissen und neuen Techniken, erhalten keine Investitionen und sind somit auch nicht in der Lage, neue Märkte für lokale Bedürfnisse zu generieren. Die Schaffung von Arbeitsplätzen in Plantagen mag kurzfristig die Einkommen der lokalen Bevölkerung leicht verbessern. Langfristig muss ein Land aber in die Diversifizierung der Wirtschaft investieren, denn irgendwann wird es ein Substitut für Palmöl geben, dass die gleiche Qualität hat, jedoch billiger und nachhaltiger ist.

Balken KOVI Faktencheck Falsch Richtig

  • Auf Twitter teilen
  • Auf Linkedin teilen
  • Auf Facebook teilen
  • Auf WhatsApp teilen